Das Freiheitchen

Janine Michèle Torggler



In ruhiger Stunde am jungen Abend
Flog ein winziges Wesen mir zu
Sich wohlig an roter Sonne labend
Legte es sich auf dem Vordach zur Ruh

Vorsichtig schlich ich mich auf die Leiter
Und holte es runter als es schlief
Nun lag es in meiner Hand und schlief weiter
Es lutschte am Daumen und atmete tief

Das winzige Ding trug ein Kleidchen aus Leinen
Schimmernde Flügel und schneeweißes Haar
Ich glaubte, ich hört' es leise weinen
Möglich, dass es nur Täuschung war

Behutsam streichelte ich seine Wange
Legte es in mein offenes Buch
Freute mich seiner und wachte noch lange
Und deckte es mit einem Taschentuch

Als ich des Morgens dann erwachte
Saß der Winzling auf meinem Knie
Staunte und fragte, wie ich das machte
"Sterbliche schauen mich sonst nie!"

"Ich seh dich halt, was soll ich sagen"
Erklärte ich dem Winzling nun
"Doch kleines Wesen, darf ich fragen
Wer bist du und was willst du tun?"

"Ich bin ein Freiheitchen, siehst du?"
Sagts und zeigt mir seine Flügel
"Und eins der letzten noch dazu
Das letzte ohne Zaum und Zügel!"




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